Mein Meister und ICH

Nach ein paar Dutzend Begegnungen mit meinem Meister Dhaly Charma, hatte ich den Eindruck, dass ich ihn gut kannte und dann passierte etwas Seltsames. Wir saßen an einem Herbstabend am Fuße des Westhanges am Berg Učka und zündeten ein Lagerfeuer an.

Dhaly begann das Gespräch: „Erinnerst du dich an unser zweites Treffen, als ich dich vor die endgültige Wahl stellte, die Entscheidung zu treffen, die Lehre von mir zu übernehmen und mein Schüler zu werden oder dieses Treffen zu vergessen?“

Natürlich erinnere ich mich an jedes Wort.

„Du hast mich gefragt, wie du dich bei mir für die Übertragung des Wissens bedanken kannst, und dann sagte ich zu dir, du würdest schon den Wag dazu finden. Jetzt, wo es schon fast gewiss ist, dass du die Rolle des Linienhalters dieser edlen Linie übernehmen wirst, möchte ich dir über die Wohltätigkeit und Wohltäter erzählen. In der Geschichte dieser Lehre gab es viele ihnen, sowohl unter den Schülern als auch unter den Meistern. Seit Anbeginn der Zeit hat man vom Meister nicht erwartet, sich irgendwo anstellen zu lassen und seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Um den Meister kümmerten sich seine Schüler und Gönner. Mit der Einführung des Geldes als Handelsinstrument änderte sich alles und insbesondere wurden einige menschliche Werte devalviert. Da Menschen verderbliche Ware sind, wurde die Güte durch persönliches Interesse ersetzt. Während sich in der Vergangenheit jeder mit der Gemeinschaft identifizierte, zu der er gehörte (Familie, Stamm oder Siedlung), verwenden die Menschen jetzt das Wort ‚ich‘ und drücken damit die Größe ihres eigenen Egos aus. Früher sagten sie ‚wir‘, worunter die Verantwortung für alle zu verstehen war, während die Menschen jetzt voneinander entfremdet sind und dabei oft nicht einmal die Verantwortung für ihre Allernächsten verspüren. Da das ultimative Ziel jeder persönlichen Entwicklung darin besteht, die Wege zur Erreichung des Zustandes des reinen Geistes zu meistern, wirst du heute von mir eine meditative Aufgabe bekommen, die dich zum reinen Geist führen wird. Die Frage, die du versuchen wirst zu beantworten, und zwar mit allen Kräften, schonungslos und leidenschaftlich, lautet: Wie kann man von einem unreinen zu einem reinen Geist gelangen?

Als ich die Frage hörte, dachte ich: „ICH kann es schaffen.“ Im Laufe der nächsten sechs Jahre berichtete ich meinem Meister regelmäßig alle drei Monate, welche Entdeckungen ich gemacht hatte, in der Hoffnung, dass er eine der Antworten akzeptieren wird. In den ersten zwei Jahren wuchs in mir die Begeisterung und in mir loderte das Feuer der Sehnsucht nach einer Lösung. Jedoch bewegte ich mich nicht von der Stelle und wie jedes Feuer allmählich, so fing auch meines nach zwei Jahren an nachzulassen und zu verlöschen. In den nachfolgenden zwei Jahren begriff ich, dass mein ICH ausbrannte und als Folge des Misserfolges wurde das ICH durch Verzweiflung ersetzt. „Gibt es überhaupt eine Lösung, oder ist es nur die Art und Weise den eigenen Geist zu schärfen?“, fragte ich mich. Mir wurde klar, dass mein ICH sich in vielen getarnten Ausgaben meldete, sowohl in meinen Verhältnissen zu meinem Meister als auch zu allen anderen Wesen und Dingen, die ich mochte und nicht mochte. Ich traf die Entscheidung, einen ‚Waffenstillstand‘ mit meinem ICH zu schließen. Wenn ich nicht in der Lage bin, auf mein ICH zu verzichten, dann sollte ich mich daran nicht stören lassen. Ich erlaubte ihm, wild zu laufen und sich auf alle möglichen Arten zu äußern. Ich wurde hochmütig und stolz und fing an, mein, den anderen vermeintlich überlegenes Wissen zu genießen. Dadurch machte ich mir mein eigenes ICH sichtbar. Am Ende dieser zwei Jahre erlosch jedoch der Wunsch mich mit meinem Ego zu identifizieren. Es war, als wäre ich jemand anderes geworden, eine Leere ohne Identität. Danach begann die Reifungsphase. Melancholie und Resignation überwältigten mich, Monat für Monat schlug ich mich durchs Leben. Ich konnte keine zufriedenstellende Lösung für meinen Meister finden. Ich begann zu glauben, dass diese großartigen Einsichten, die er ablehnte, sowieso für mich nie mehr zu erlangen wären. Ich wurde apathisch, nur aus Pflichtgefühl und mit einem unbezwingbaren Willen meditierte ich trotzdem weiter zu dem Thema des Weges vom unreinen zum reinen Geist.

Eines Tages, nachdem ich sechs Jahre über den Weg nachgedacht hatte, bot ich meinem Meister fast ängstlich eine lakonische Antwort an: „Die Lösung besteht im Geben!

Dhaly zuckte, wie vom Blitz getroffen und sagte: „Wie meinst du es?

Unreinheit wird mit noch mehr Unreinheit gereinigt, die Krankheit wird mit Gift behandelt und der Geist mit eigenem Schmerz, der durch das Geben verursacht wird. Erst wenn das Geben den Schmerz erzeugt, konfrontieren wir uns mit unserem wahren Ego und sind erst dann bereit, dieses ICH durch WIR zu ersetzen, mein Meister. So habe ich auch beschlossen, mich um dich und all diejenigen zu kümmern, die mich brauchen, denn dann habe ich nichts zu verlieren.

Der Meister akzeptierte die Antwort bedingt, indem er sagte: „Ich werde dich beobachten, weil ich immer noch nicht weiß, ob dies nur dein kognitives Konstrukt ist oder die echte Transformation zum reinen Geist.“

Er beobachtete mich die nächsten 19 Jahre. Ich besuchte ihn zuletzt im November 1999 in Kathmandu und gab ihm den letzten Bericht über die Lehre und UNS. Er sagte zu all dem: „Jetzt kann ich ruhig gehen!

Während ich von innen beobachtete, wie sich die Veränderung vollzog, wurde mir nach diesen 19 Jahren alles klar.

In der ersten Phase machte der Meister mein Ego sichtbar.

In der zweiten Phase sah ich mein getarntes Ego.

In der dritten Phase erkannte ich, dass die Lösung im Geben sei. Als das Geben zum Ego wurde, wurde ich frei, denn niemand kann mir jetzt noch etwas wegnehmen.

Noch etwas sagte mir mein Meister: „Der Weg eines Meisters ist schwieriger als der Weg zur Meisterschaft.“

Damals glaubte ich ihm nicht, aber jetzt weiß ich, dass es wahr ist: Der Meister wird von allerlei Schmutz seiner Schüler ‚verschmutzt‘ und weiß nie im Voraus, ob er den Weg der Meisterschaft für jeden Einzelnen zurücklegen wird. Der Weg vom Schlamm zu den himmlischen Höhen ist für jeden einzigartig und es bleibt mir nur übrig zu beobachten, wie die Schüler stolpern und hinfallen. Obwohl ich weiß, dass mein Rat ihnen helfen würde, würden sie ihm nicht folgen, weil sie denken würden (so wie ich damals), da spricht das Ego des Meisters!

Für alle Unklarheiten und Fragen sprecht mich bitte offen an.

Euer Meister

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