Wie ein Heiliger regierte

Vor langer Zeit gab es ein Land, in dem es nach dem Ableben eines Königs ohne Thronfolger Sitte war, dass die Minister einen Palastelefanten freiließen. Dieser Elefant ergriff dann irgendjemanden und beförderte ihn rücklings hinter seinen Kopf. Dieser „Jemand“ wurde nun ohne weitere Fragen zum König gekrönt.
Einmal geschah es, dass ein heiliger Mann vom Elefanten ausgewählt wurde. Er wurde mit allem Pomp und Zeremonien zum Hof gebracht. Der Heilige war verwirrt und fragte die Minister: „Was ist geschehen? Warum bringen Sie mich hierher?“
„Sie werden zum König gekrönt. So ist es Brauch. Sie wurden vom Palastelefanten ausgewählt.“
„Nein, nein, ich will überhaupt kein Königreich. Ich bin ein Mönch.“
„Bitte enttäuschen Sie uns nicht“, baten eindringlich die Minister. Sie beschworen ihn, die Krone anzunehmen. Der Heilige stimmte widerwillig zu.
Der Heiligenmonarch war gleichgültig gegenüber allem, was im Königreich passierte. Trotzdem ging alles ohne Probleme und es herrschte Wohlstand.
Der Herrscher des Nachbarlandes hörte von der Verhaltensweise des neuen Königs und glaubte, dass dies eine gute Gelegenheit wäre, dessen Königreich zu erobern und seinem eigenen einzuverleiben.
Die Minister informierten den Heiligenmonarch über diese Absicht, worauf dieser fragte: „Warum will er unser Königreich erobern? Was haben wir ihm getan?“
„Wir wissen es nicht. Es gibt keinen wirklichen Grund. Seine Armeen überschreiten unsere Grenzen. Bitte, erteilen Sie Ihre Befehle und wir werden kämpfen.“
„Nein, nein. Bleibt ruhig. Warum sollten wir kämpfen?“
Die Minister waren verwirrt. Sie wussten nicht, was sie tun sollten.
Da der gegnerische Herrscher feststellen musste, dass die Streitmächte nicht gekommen waren, um mit ihm zu kämpfen, ging er zu dem Heiligenmonarchen. Dieser verhielt sich gleichgültig.
Der gegnerische Monarch sprach zu ihm: „Oh, Rajah! Ich bin gekommen, um mit dir zu kämpfen. Was sagst du dazu?“
„Was willst du damit erreichen? Warum willst du mit uns kämpfen?“
„Ich will dein Königreich erobern.“
„Oh, Herrscher! Dazu brauchst du nicht mit meinen Armeen zu kämpfen. Du kannst diese Krone haben. Ich bin nur ein Mönch. Ich war immer ein Mönch. Ich werde verschwinden. Komm her, besteige den Thron. Von nun an bist du auch der Herrscher dieses Königreiches“, so sprach der Heilige in seiner friedlichen Art und ging davon.
Der gegnerische König war beschämt. In tiefer Verwirrung warf er sich vor den Heiligenmonarch nieder, bat um Verzeihung und bot – anstelle das Reich des Heiligen einzunehmen – sein Königreich an. Und so wurde der Heilige Herrscher beider Königreiche!
Die Minister, die voller Ehrfurcht dasaßen, wurden erleuchtet. Sie verstanden die Kraft des Verzichts. Eine ganze Nation wurde vor dem Blutvergießen gerettet, und der Heilige gewann ein Königreich, ohne darum gebeten zu haben.

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