Nachdem viele Lateinamerika-Reisende in den letzten Jahren die Kollegiatskirche St. Peter in Westminster (so die offizielle Bezeichnung der Abtei) besucht haben, wollen wir einen kurzen Bericht über die Geschichte der Westminster Abbey veröffentlichen.
Bereits im 7. Jahrhundert soll an der Stelle der heutigen Abtei eine Kirche gestanden haben. Die erste urkundliche Erwähnung über ein „Münster im Westen“ stammt aus dem Jahre 785. Nach der Zerstörung eines früheren angelsächsischen Klosters durch die Dänen gründete der englische König „Edward der Bekenner“ die Abtei als seine Grabstätte neu. Die Arbeiten erstreckten sich über 20 Jahre, wobei König Edward an der Einweihungsfeier am 28.12.1065 krankheitsbedingt nicht teilnehmen konnte und kurz darauf verstarb.
Seit 1066 wurden alle Könige Englands in Westminster gekrönt, mit Ausnahme von Eduard V., der als Kind von seinem Onkel Richard III. ermordet wurde, und von Eduard VIII., der 1936 nur ein Jahr bis zu seiner Abdankung regierte. Außerdem sind hier die meisten der englischen Könige vom 11. bis 18. Jahrhundert begraben und viele nationale Persönlichkeiten bekamen in der Abtei eine Grabstätte oder Gedenktafel, was durch die 400 Grabdenkmäler und 3.000 Gedenktafeln deutlich wird.
Die Abtei war eine ewige Baustelle, deren Um- und Anbauten bis ins 18. Jahrhundert andauerten. Die größte bauliche Veränderung fand bereits ab 1245 statt, als im Auftrag von Heinrich III. die Kirche mehr oder weniger niedergerissen und mit dem Bau der heutigen Abtei begonnen wurde. Von französischer Gotik geprägt, konnten, außer dem Hauptschiff, welches 1376 – 1528 errichtet wurde, die anderen Teile der Kathedrale nie ganz vollendet werden. Die Abtei hat den Grundriss eines lateinischen Kreuzes, ist 156 m lang, 61 m breit und die Gewölbe besitzen eine Höhe von über 30 Metern.
Im 16. Jahrhundert erhielt die Abtei durch die Gründung des Westminster College neue Aufgaben und wurde zu einem der wichtigsten Studienzentren des Landes und zu einem Zentrum von außergewöhnlicher kultureller Kraft. Abt und Dekan waren von diesem Zeitpunkt an im allgemeinen hochgebildete Gelehrte. Im 17. Jahrhundert erreichten dann die modernen Naturwissenschaften Westminster durch den amtierenden Abt und späteren Dekan Lancelot Andrewes. Nach und nach wurde die Abtei zudem ein politisches Zentrum, was auch die Nähe des Parlamentes zeigt. Westminster Abbey hat im Laufe der Jahrhunderte religiöse, weltliche und philosophische Elemente in einzigartiger Weise in sich vereint.
Die Ehre eines Begräbnisses in der Abtei wurde u.a. dem Westminster-Studenten Ben Jonson zuteil. Interessanterweise wurde der größte englische Schriftsteller, William Shakespeare, jedoch nicht in Westminster Abbey beigesetzt, da er zu seiner Zeit keine besondere Vorrangstellung einnahm. Erst wesentlich später erhielt Shakespeare zumindest ein Denkmal. Die Grabinschriften in der Abtei sind ein Kapitel für sich; typisch ein Spruch von John Gay auf dessen eigenen Gedenkstein: „Das Leben ist ein Scherz, alle Dinge beweisen dies: so dachte ich einst, jetzt weiß ich es.“
Die Westminster Abbey ist zwar auch heute noch eine Kirche mit regelmäßigen Gottesdiensten, wird aber selbst von den Engländern mehr als ein königliches Kuriosum betrachtet und ist mit über 3,5 Millionen Besuchern pro Jahr eine der bedeutendsten Touristenattraktionen in London.
(MS)

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